SCORPIONS: Der letzte Stich!

Eine Rockszene ohne die SCORPIONS? Eigentlich undenkbar, vor allem für Metaller, die den Einstieg in die harte Mucke durch Alben wie ‘Lovedrive’ oder ‘Blackout’ geschafft haben. Doch wie die Hannoveraner am 24. Januar bekanntgaben, soll nach einer dreijährigen Tour zum neuen Album ‘Sting In The Tail’ Schluß sein - ein Schritt, der den Megasellern auch in Deutschland plötzlich wieder große mediale Aufmerksamkeit bringt. Am Rande einer Pressekonferenz im Bayerischen Hof zu München, bei der Klaus Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs den TV-Teams, Radiomoderatoren und Printkollegen der Tageszeitungen Antworten auf recht vorhersehbare Fragen gaben, saßen die Veteranen mit uns im Fürstensalon zusammen, um über das brandneue Album, die Entwicklung der Szene und natürlich das geplante Ende der erfolgreichsten deutschen Band aller Zeiten zu diskutieren...

“Wir wollen einfach, daß unsere Fans uns in guter Erinnerung behalten und nicht in einer Form von Mitleid”, verteidigt Rudolf diesen Schritt. “Wenn du von ‘Blackout’ sprichst - wir haben mit ‘Sting In The Tail’ eine Platte gemacht, die genau diese Essenz in sich trägt. Classic Rock ist wieder aktuell, viele junge Band spielen wieder diesen Stil, und gerade jetzt die Bühne mit einem starken Album und einer geilen Tour zu verlassen, ist eigentlich das Beste, was man sich vorstellen kann. Denn wir geben den Takt an und finden uns nicht plötzlich in einer Situation wieder, die uns zwingt, auf halber Flamme zu arbeiten. Bei uns soll niemand am Schluß sagen, daß man uns einen würdevolleren Abgang gewünscht hätte! Eins steht fest: Keiner möchte gerne, daß die Oma stirbt, aber alles hat seine Zeit. Und das muß man einfach sehen. Wir selbst haben das gar nicht erkannt, die Idee kam von unserem Manager - jemand von außen, der das ganz realistisch sieht und auch die Möglichkeiten erkennt, die dahinter stehen. So können wir uns auf die Tournee ganz besonders freuen und noch mal richtig Gas geben. Das letzte Produktionsmeeting hat gezeigt, daß wir eine schöne Show liefern werden, nach der die Leute nach Hause gehen und sagen werden: “Geil, die SCORPIONS! Schade, daß die jetzt weg sind!”. Und das ist eine ganz andere Situation als wenn man irgendwann bedauern würde, daß wir nicht früher aufgehört haben.”

Ihr seid nun in unserer Hardrock-Gemeinde die erste Band, die diesen Schritt ohne Not vollzieht. KISS tingeln ewig durch die Gegend, BLACK SABBATH machen sogar ohne ihren Namen weiter, die Herren Hoffmann und Baltes reanimieren ACCEPT...

“Was, schon wieder?”, wundert sich Rudolf, ehe Klaus übernimmt: “Bei den Bands der ersten Stunde, die schon da waren, bevor wir überhaupt angefangen haben, muß man sich als Fan aber schon fragen, wer von den Gründungsmitgliedern überhaupt noch dabei ist. Wenn du Glück hast, ist es noch einer, der sich an seiner Gitarre festhält, und alle anderen kennst du nicht. Das ist doch auch nicht mehr das, was es mal war. Nur der Glanz des alten Namens. Ich denke das wird so einer Bandgeschichte und so großen Legenden nicht gerecht. Es ist doch die bessere Variante zu sagen, wir ziehen den Stecker, solange wir on top of the game sind. Wer weiß schon, was in fünf Jahren ist? Das ist eine Bandentscheidung, die wir gemeinsam tragen. Das Leben geht ja dann noch weiter, so Gott will, und viele schöne Herausforderungen warten noch auf uns. Wir werden den Fans in der einen oder anderen Form sicher erhalten bleiben. Aber wir sind das uns und unserer Geschichte schuldig, daß wir das Buch mit Klasse und Stil zumachen. Das muß aber jeder für sich entscheiden. KISS waren und sind immer noch ein tolles Spektakel, wo die Leute ihren Spaß haben, mit viel Feuer und Effekten. Die können auch mit 70 noch über die Bühne schleichen, so lange wie das Make-up eben hält. Aber irgendwann ist doch normalerweise Schluß. Wir bleiben im Herzen jung, aber der Körper wird nun mal älter. Und wir wollen es uns und den Fans ersparen, daß man irgendwann Mitleid mit uns hat. In unserem Verständnis waren die SCORPIONS immer eine Liveband, und wir wissen nicht, ob ich in einigen Jahren noch meine Art des Singens bringen kann. Wenn du dich in einer tieferen Tonlage bewegst, dann kannst du das mit 70 wohl noch abrufen, aber bei mir ist es schwer vorstellbar. Das ist einfach eine Realität, damit muß man leben.”

Eines verstehe ich allerdings nicht: Ihr seid Musiker aus Leidenschaft und steckt alle Energie in ein neues Album, das euch wichtig ist. Doch durch die zeitgleiche Ankündigung des Abschieds geht die Scheibe in der Wahrnehmung doch ziemlich unter. Wäre es da nicht cleverer gewesen, die Scheibe normal zu promoten und erst danach mit einem Best Of-Album die letzte Tour einzuläuten?

“Wir wollen aber nicht clever sein”, protestiert Schenker. “Das Ganze hat sich aus einem Vorschlag des Managers entwickelt, der uns nahegelegt hat, daß jetzt der richtige Augenblick zum Abgang wäre. Diesem Gedanken haben wir uns emotional angeschlossen und nicht darüber nachgedacht, was clever wäre.”

Mir ging es ja nur darum, daß ‘Sting In The Tail’ nun vielleicht nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es wahrscheinlich verdient...

“Wenn das Album wirklich so gut rüberkommt wie wir uns das vorstellen, dann wird es sich durchsetzen”, ist sich der 61-jährige Gitarrist sicher. “Die Ankündigung, daß wir aufhören werden, ist ein fairer Schritt. Wir sagen den Leuten, was Sache ist.”

“Wenn du kurzfristig sagst, jetzt ist es vorbei, werden viele Leute dauerhaft enttäuscht sein”, schaltet sich auch Matthias Jabs ins Gespräch ein. “Nachher würden dann viele Fans kommen und sagen, “Mensch, hätte ich das gewußt!” So aber herrschen klare Verhältnisse. Wir hören ja auch nicht morgen oder übermorgen auf. Deshalb sind wir jetzt gar nicht mit dem Ende der ganzen Geschichte beschäftigt, sondern mehr mit dem Anfang vom Ende. Das ist ja noch ein Wahnsinnsweg. Das Thema ist erstmal, den Menschen das begreiflich zu machen. Natürlich ist das eine Meldung, die die Leute in den Bann zieht, aber sobald die Scheibe draußen ist, wird auch darüber gesprochen werden.”

Dann reden wir doch über ‘Sting In The Tail’! Als wir uns vor drei Jahren über die Aufnahmen zu ‘Humanity - Hour I’ unterhalten haben, habt ihr in den höchsten Tönen von Desmond Child und James Michael geschwärmt. Trotzdem habt ihr das komplette Produktionsteam wieder gewechselt und diesmal mit den Schweden Mikael ‘Nord’ Andersson und Martin Hansen gearbeitet. Hattet ihr keinen Bock auf Los Angeles?

“Nein, daran lag es nicht”, erklärt Meine. “Bei aller Wertschätzung für Desmond und ‘Humanity - Hour I’: Wir haben gesehen, daß es ein sehr amerikanisches Album war, bei dem er uns als Produzent sehr seinen Stempel aufgedrückt hat. Das wollten wir nicht mehr. Wir wollten zurück zu unseren Roots, wollten mehr zu einem europäischen Ausdruck, und da sind uns die beiden Schweden in den Sinn gekommen, die das auch unterstützt und nicht so sehr ihren eigenen Sound durchgesetzt haben. Die damalige Zeit in Los Angeles war toll, aber es war eben von der kreativen Seite sehr dominiert von Desmond und einem zugegebenermaßen großartigen Songwriter-Team, das mit uns gearbeitet hat. Wir wollten jetzt aber mehr zu der SCORPIONS-Essenz zurück und mehr eigene Kreativität entfalten, als das zuletzt der Fall war.”

“Es ist auch so, daß wir mit ‘Humanity - Hour 1’ alles gesagt haben, was zu dem Thema zu sagen wäre”, stellt Rudolf fest. “Das haben zum gleichen Zeitpunkt auch LINKIN PARK mit ‘Minutes To Midnight’ gemacht. Jetzt mit ‘Hour II’ anzukommen und das noch mal von uns zu geben, wäre total idiotisch. Wir wollen nicht mehr auf Probleme hinweisen, sondern einfach sagen: Come on, let’s rock! Wir sind in erster Linie Musiker, doch für Desmond waren wir eher ein Sprachrohr. Für ihn hatten wir dank ‘Wind Of Change’ den richtigen Stellenwert, um seine Message unters Volk zu bringen.”

“Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir das ganze Konzept auch live viel stärker umsetzen müssen”, blickt Klaus zurück. “Natürlich sind viele gute Songs auf dem Album, einige haben sich durchgesetzt und werden auch auf der kommenden Tour in der Setlist stehen, aber wir wollten von der großen Message weg und einfach wieder zurück zu einem geradlinigen Rockalbum, straighten Texten und Riffs. Ein Song, der noch tiefer geht, ist ‘The Good Die Young’, wo wir all jenen eine Stimme geben wollen, die sich für Frieden und Freiheit einsetzen. Doch sonst gibt es keine politische Botschaft auf dem Album, es ist einfach straight forward Rock. Wir haben nun mal unsere eigene Geschichte. ‘Raised On Rock’ bringt das gut zum Ausdruck - mit dieser Musik sind wir aufgewachsen, sie hat uns über all die Jahre fasziniert. Auch ‘SLY’ ist ein Song, der auf unserer Vergangenheit basiert und auf ‘Still Loving You’ zurückgeht. Wir haben diesmal kreativ ganz nahe an unserer eigenen Basis gearbeitet.”

Martin Römpp

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